What’s App, Mama? – (K)eine Buchkritik

Während meiner Verlagsjahre habe ich viele (Hör-)Buchblogger persönlich kennengelernt, gezielt mit ihnen zusammengearbeitet und noch mehr Rezensionen in diversen Blogs gelesen und wiederum ausgewertet. Heute würde man wohl von Blogger Relations oder Influencer Marketing sprechen. Ich werde mich also hüten hier „mal eben“ eine Buchrubrik aufzumachen. Dies ist also keine Buchkritik, sondern ein Lektüretipp #ausgründen:

  • Den Text „Facebook ist für mich gestorben.Wie ein 14-jähriger die Social Media-Welt sieht“  von Robert Campe, im Februar 2016 Praktikant bei meedia.de, habe ich vor über einem Jahr ebenfalls höchst interessiert gelesen. Als ich dann meinen neuen Job anfing und meine ersten Gespräche, u.a. auch in der Jugendarbeit führte, dann demonstrativ hochgehalten. Ooooh. Aaaah. Und jede Menge glückliche Gesichter, auch bei mir, zugegeben. Denn auch mein persönlicher Zugang zur Jugend ist zuweilen rar. So nah war man der auserkorenen Zielgruppe „die Jugend von heute“ selten. Endlich lupfte mal jemand den Vorhang. Auch wenn viele sich dann v.a. auf Snapchat stürzten, um die Jugend dort „abzuholen“. Nun also die Langform aus der Feder eines 15-jährigen. In der Buchhandlung musste ich zweimal hinschauen, um Foto A (2016) in meinem Kopf und Foto B (2017) in Verbindung zu bringen. Kinners, wie die Zeit vergeht…
  • Ein gelungener, spielerischer Einstieg ins Thema ist der Multiple-Choice-Test. Respekt vor den Fragen hatte ich ja schon, schließlich will man sich ja nicht vor sich selbst blamieren. Nach 16 Fragen wird man mit seinen Social Media/Online-Kenntnissen in vier Typen eingestuft: Vom Fast-Digital-Native bis hin zum Hoffnungslosen Fall. Letztere erhalten dann den ganz klarem Auftrag das Buch SOFORT weiterzulesen, um die „Defizite“ auszugleichen. Alles dabei mit einem Augenzwinkern. Keine Spoiler. I passed the test.
  • Die familiären Cases und elterlichen Fails aus dem Campe-Clan rund um den Smartphone-Gebrauch der Sprößlinge erzählt der Sohnemann durchaus liebevoll und manchmal eben so aus der Perspektive eines 15-jährigen, da geht einem entweder das Herz auf oder man muss einfach nur lachen. Denn die Grundprobleme und Diskussionen zwischen Eltern und Kindern sind auch mit zwischengeschalteten Apps und Likes nicht anders als zu meiner Jugend. Sein eigener Perspektivwechsel in die digitale Steinzeit, also die Zeit der Wählscheibentelefone und Kassettenrekorder herzerwärmend und für den, der es noch kennt, eine schöne Erinnerung. Ach damals…
  • Er stellt die für ihn und seine Peergroup relevanten Plattformen und Apps (WhatsApp, Instagram, YouTube, Snapchat…) vor, ihre Use-Cases durchaus geschlechterspezifisch differenziert und ihre Vorteile, Faszinationspotenzial, aber eben auch Gefahren und noch wichtiger, den Umgang seiner Generation eben auch mit diesen Gefahren.
    In der Facebookgruppe „Kirche und Social Media“ wurde vor kurzem ein Blogbeitrag zu Snapchat verlinkt, der sich mit den Gefahren der App für Jugendliche auseinandersetzte und Kirche aufforderte die App doch nicht zu nutzen, um Jugendliche nicht zu „verführen“ bzw. in die Selbstinszenierungsfalle tappen zu lassen. Dieser wurde in der Gruppe recht schnell kontrovers diskutiert und der Verfasser Michael Brendel ruderte an manchen Stellen in der Diskussion zum Beitrag wieder zurück. Robert Campe beschreibt auch diesen Aspekt und meint, dass die Jugendlichen sehr wohl wissen, „dass der Schein trügt“, sie wissen bestens wie das „Aufhübschen“ geht. Dadurch, dass sie andauernd an Fotos mit Apps rumbasteln, aber eben auch, wie die Freunde mit #nofilter aussehen. Da brauche es keinen elterlichen Schutzschild. Und sicher auch keinen kirchlichen.
  • Sein Schreibstil ist launig, an manchen Stellen vielleicht etwas zu oberlehrerhaft, aber vielleicht wurde da mehr lektoriert. Aber im Ganzen liest es sich „flott“ weg (Gruß an die Elbschnagger an dieser Stelle).
  • Neue bahnbrechende Erkenntnisse zum Thema Social Media und Jugend habe ich nicht gewonnen. Sie IST eben dauer-online. Mich interessierte ja auch mehr, WO sie ihre Zeit verbringt. Das wurde eingelöst. Ein paar neue Apps warten nun darauf, zumindest getestet zu werden. Ich empfehle das Buch denjenigen, die lieber einen Prosaüberblick über die aktuelle Online-Welt von Jugendlichen erhalten wollen und dabei auf ein haptisches Erlebnis nicht verzichten mögen (E-Book gibt’s natürlich auch). Nicht zu technisch. Was gibt es jetzt, warum brauchen Teenies das und welche Gedanken machen sie sich drumherum. Die Erklärungen zu einzelnen Diensten mit den Screenshots helfen zusätzlich, wenn man als Ü16 ganz große Berührungsängste haben sollte.
  • Das ist wohl das Stichwort: Berührungsängste, vor der Technik, vor der Veränderung und vor den eigenen „dummen“ Fragen. Die gibt es nicht. Sagte schon meine Oma. Also wird der Schlussappell im Buch zur digitalen Generationenbrücke. Bisschen pathetisch finde ich, aber nun gut, er probiert’s und versucht sich in Ratschlägen für mehr Verständnis füreinander und streckt die Hand in seine Welt aus. Fair enough.
  • Da ich keine Sterne, Krönchen oder Einhörner zu vergeben habe, hier mein kleines Fazit: Wenn ich morgen wieder vor einer Pastor*innenrunde stehen werde und über die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten mit Konfirmanden spreche, werde ich neben dem Satz „Fragen Sie sie, wo sie unterwegs sind“ auch dieses Buch als Tipp dabei haben (nein, ich habe keinen Werbevertrag mit dem Verlag). Eine kurzweilige und durchaus fundierte Lektüre. Die Social Media/Online-Welt von Jugendlichen erklärt für Einsteiger, egal, ob man selbst „Mama“ oder „Papa“ ist.
  • Gewagt finde ich es vom Verlag dieses Thema mit einem Printprodukt an den Start zu bringen, denn der Social Media-Kosmos ist schnell(lebig) und man weiß nie, wann der nächste Hype, z.B. in Gestalt eines Mammut schon um die Ecke tapert und mit Mastodon eine Twitter-Alternative verkündet. Da darf man auf die Aktualisierung bzw. Überarbeitungen des Buches gespannt sein. In Idee und Optik erinnert es natürlich stark an den Teenie Leaks-Bestseller von Paul David Bühre.  So what?
  • Für meine Arbeit sind diese „Social Leaks“ durchaus wertvoll.

Buchcover: Robert Campe: What's App, Mama?

Robert Campe
What’s App, Mama? Warum wir Teenies den ganzen Tag online sind – und warum das okay ist!

240 Seiten, Klappenbroschur
VÖ: 2. März 2017
ISBN: 978-3959101-09-7
14, 95 €
Eden Books
Auch als E-Book.
Noch (?) nicht als Hörbuch lieferbar.

Zum Autorenvideo

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