Social Media ist keine Insel

Alles auf Anfang?
So ein bißchen fühlte es sich diese Woche an, als ich in der Handelskammer Hamburg  den Zertifikatskurs Social Media Manager machte. Nochmal ganz von vorn. Basics und Abläufe, Plattformen, Personae, Strategie und jede Menge Buzzwords aus dem Online Marketing. Aber auch ein bißchen „Reset“ für mich – schließlich habe ich mich eine Woche extra aus dem Tagesgeschäft raus genommen. Ideen und Vorhaben, aber vor allem auch interne Abläufe und Informationswege hinterfragt.  Die to-do-Liste ist in den fünf Tagen lang geworden.

Ob ich denn eine Zusatzqualifikation in Social Media hätte, würde ich seit Stellenantritt vor knapp einem Jahr oft gefragt. Nö, ich habe es als Teil meines Pressejobs einfach gemacht. Ganz typisch für den Bereich Social Media und die Frage wiederum ganz typisch. Ist leider so. Learning by doing, kein akzeptiertes Konzept im deutschen Arbeitsmarkt. Wobei ich einschränken muss, in meinem Bewerbungsgespräch war das etwas anders, sonst hätte ich meine jetzige Stelle nicht. Da gab’s den kirchlichen Vertrauensvorschuss. Nun also Brief und Siegel hinterher. Den Zertifikatskurs kann ich durchaus weiterempfehlen, falls es jemand überlegt. Es ist gehörig viel Stoff, der angerissen wird, gepaart mit einer Praxisaufgabe, an der man sich die Woche über abarbeitet und das Gehörte gleich umsetzen soll. Gruppenpräsentation zum Abschluß inklusive. Danach fliegen die Hüte.

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Bei den Sätzen „Social Media ist keine Insel“ und „Social Media muss von gesamten Unternehmen getragen werden“, um damit auch dem Social Media Manager den Rücken freizuhalten, habe ich innerlich seufzen müssen. It’s a long way. Und da spreche ich noch nicht mal von ganzheitlichen Content Marketing-Strategien, sondern der inneren Haltung zu Social Media. Womit ich beim dritten Satz der Woche wäre: „Social Media (vor-)leben“.

Passenderweise erschien in dieser Woche ein lesenswerter Artikel von Hannes Leitlein in Christ & Welt: „Und wie wir wandern im finstern Digital“ zur (Nicht-)Digitalisierung von Kirche. Verwundert las ich auch hier wieder einen Abschnitt zum Social Media-Auftritt des EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Während ich in Pastorenkonventen und in Beratungsgesprächen meist mit der Frage „Macht er das alles selbst, ne oder?“ bzw. dem Kopfschütteln über soviel Internet-Präsenz und protestantisch-unüblicher Selbstdarstellung konfrontiert bin, ging es hier eher um die Beanstandung, der fehlenden Empfangsbereitschaft im Kommunikationsmodell. Es fehle an weiterführender Beziehungsarbeit via Social Media.

Ich frage ich mich, warum man sich so gern an ihm abarbeitet und seine Aktivitäten so genau seziert. Für mich, aber das mag aus meinem operativen Wissen heraus stammen, ist klar, dass man in seiner Position nicht eben auch noch alle Kanäle umfassend und selbst bedienen kann und in 1:1-Konversationen einsteigen kann. heute.de enthüllte Anfang der Woche, dass Kanzlerkandidat Martin Schulz gar nicht (immer) selbst twittert. Das macht sein Team, genauso wie bei Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der hat auch ein ganzes Social Media-Team um sich herum, wie Bloomberg zu Jahresanfang „herausfand“.
So what? Einziger berechtigter Vorwurf an Martin Schulz‘ Team: Es wird nicht, wie bei anderen Spitzenpolitikern transparent kommuniziert, wer was twittert, ob sein Team sendet oder er selbst. That’s it.

Zurück zu „Padford-Strohm“ (nie vorher von diesem Spitznamen gehört). Auch hier ist sicher Luft nach oben. Das sehe ich auch so, bin ganz bei Hannes Leitlein, aber ist dieses krittelnde Close-Up wirklich hilfreich? Wirft es weitere Digitalinitiativen und ggf. verunsicherte Kirchenmitglieder, die unschlüssig sind, ob sie Social Media und die Digitalisierung in ihrem Gemeinde-Alltag „wirklich brauchen“, nicht erneut zurück – bestärkt sie in ihrer möglichen Ablehnung, es zumindest mal zu probieren? Nährt Haltungen wie „Wenn es schon die in der EKD nicht können, wie soll ich das machen?“ und „Dann brauche ich das doch auch nicht…“

Eine (theologische) Replik auf Leitleins Artikel kam aus München, von Niklas Schleicher: Wandern ohne Stecken und Stab?  verbunden mit der Forderung den „großen Teil der wirklich Treuen“ nicht zu vergessen. So habe ich zumindest Leitlein gar nicht verstanden. So verstehe ich auch meinen Job aktuell nicht. Es geht nicht um ein „Entweder-Oder“, sondern um die aktive Integration von digitalen Möglichkeiten. Social Media findet, auch in Bezug auf Kirche statt, egal ob „sie“, mit ihren Mitgliedern und Würdenträgern, mitmacht oder nicht. Selbstverständlich will niemand nur noch Twitter-Gottesdienste oder Skype-Beichten. Social Media und Digitalisierung hocken nicht auf der einen und die Nicht-Digitalen auf einer anderen Insel. Auch jetzt schon nicht mehr. Aber vielleicht müssen Schwarz und Weiß noch so hart aufeinanderprallen, damit sich das Kirchenschiff digital bewegt und überhaupt (digitaler) Wellengang entsteht. Für mich ist die aufgeflammte Diskussion nach dem Beitrag leider ein allzu gutes Beispiel, wie verkopft das Thema in Kirchenkreisen zuweilen angegangen wird. Oder wie es Eva Schulz in ihrem Gastbeitrag ebenfalls bei zeit.de formulierte:

Nehmt euch nicht so ernst. 

„Wer in Social Media erfolgreich sein will, muss sich auch was trauen“, war mein vierter Satz im IHK-Kurs, den ich mir in dieser Woche sofort notierte. Der Social Media-Battle zwischen Dr. Oetker, Pickup und Ritter Sport rund um die Schokopizza kam da diese Woche wie gerufen und war schlicht unterhaltsam – und natürlich 1a Marketing.

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Morgen fahre ich zum ersten Mal auf die Jahrestagung des Netzwerks Öffentlichkeitsarbeit nach Darmstadt. Das Thema dort: „Schatz wir müssen reden! Kirche und Mitgliederkommunikation“. Social Media wird dort auch in Workshops ein Thema sein. Weder bei Facebook noch auf Twitter habe ich aktive Präsenzen der Veranstalter oder einen Veranstaltungs-Hashtag finden können.

It’s a long way – runter von der Insel.

Update (5.4.2017):
In der Zwischenzeit ist eine rege Diskussion zum Thema Digitalisierung und Kirche entstanden, die unter dem Hashtag #digitalekirche bei Twitter mitzulesen und mitdiskutiert werden kann. Von Erweiterungen des Themas wie z.B. „#DigitaleKirche und Diskriminierung“ bis hin zu konkreten Ideen und Vorschlägen der EKD Jugenddeligierten für eine Digitale Agenda.

Ein Etherpad mit Ideen und Fragen rund um Digitalisierung und Kirche wurde eingerichtet unter: https://pad.luki.org/p/Digitalisierung

 

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